Produktion Verarbeitendes Gewerbe April 2026: +0,4 Prozent zum Vormonat – Bau und Chemie tragen, Automobilindustrie bricht um 4,7 Prozent ein

Das Statistische Bundesamt hat am 9. Juni 2026 die Pressemitteilung Nr. 192 mit der Produktion im Produzierenden Gewerbe für April 2026 vorgelegt: real, saison- und kalenderbereinigt stieg die Produktion gegenüber März 2026 um 0,4 Prozent – getragen vom Baugewerbe (+2,4 Prozent), der Chemischen Industrie (+2,1 Prozent) und der Herstellung von Metallerzeugnissen (+1,6 Prozent). Die Automobilindustrie brach dagegen um 4,7 Prozent ein. Im Vorjahresvergleich liegt die Produktion kalenderbereinigt um 0,5 Prozent niedriger, im Dreimonatsvergleich Februar bis April gegenüber den drei Vormonaten um 0,5 Prozent. Industrie ohne Bau und Energie hielt mit 0,0 Prozent gerade die Linie, Investitionsgüter -1,5 Prozent – während energieintensive Industriezweige nach drei schwachen Jahren um 1,0 Prozent zum Vormonat und 2,6 Prozent im Dreimonatsvergleich zulegen. Einen Tag nach dem -3,8-Prozent-Auftragseingang ist das die zweite Seite derselben Medaille: Die Auftragsbestände werden noch abgearbeitet, die Wende ist nicht da. Wer in Auto-, Elektro- oder Maschinenbau-Tarifbranchen arbeitet, sollte das Brutto-Netto für 2026 jetzt konservativ durchrechnen.

Wichtige Punkte

Warum die +0,4 Prozent nichts an der Industrie-Schwäche ändern

Auf den ersten Blick sieht der April-Wert nach Erholung aus: Produktion +0,4 Prozent zum Vormonat, energieintensive Industrie sogar +1,0 Prozent. Wer die Pressemitteilung Nr. 192 aber neben den Auftragseingang vom Vortag (Pressemitteilung Nr. 189, -3,8 Prozent) legt, sieht ein anderes Bild. Aufträge und Produktion bewegen sich nicht synchron, sondern mit zwei bis vier Monaten Verzögerung: Was im April produziert wurde, basiert auf Aufträgen aus dem starken vierten Quartal 2025 und Januar/Februar 2026. Der Einbruch der Aufträge im April 2026 schlägt erst ab August/September auf die Produktion durch. Die +0,4 Prozent im April sind deshalb keine Wende, sondern die letzte Welle der alten Auftragsbestände – mit der Automobilindustrie als erste Branche, in der dieser Puffer bereits gerissen ist (-4,7 Prozent in einem Monat).

Die Schwäche in der Tiefe wird sichtbar, wenn Bau und Energie herausgerechnet werden: Industrie ohne Bau und Energie steht im April bei 0,0 Prozent zum Vormonat und -2,1 Prozent zum Vorjahr. Investitionsgüter, also Maschinen, Werkzeuge, Anlagen, Schaltschränke, Stromaggregate, sind sogar um 1,5 Prozent zurückgegangen – exakt das Segment, in dem der Auftragseinbruch am stärksten war. Konsumgüter (+1,9 Prozent) und Vorleistungsgüter (+1,4 Prozent) tragen den Monat, aber auch das ist eher Bestandsabarbeitung als Trendwende. Die Kombination aus -3,8 Prozent Auftragseingang im April und +0,4 Prozent Produktion im April ist statistisch das klassische Muster vor einer Industrierezession: zwei bis vier Monate Auftragsschwäche, danach folgt die Produktion mit Verzögerung, danach beginnen die Kurzarbeit-Gespräche.

Was die Daten für Lohnverhandlung und Branchenwechsel bedeuten

Für die persönliche Lohnplanung 2026 schichten sich aus dem Produktionsdatensatz drei Signale. Erstens für Beschäftigte in der Automobilindustrie: Die -4,7 Prozent Produktion in einem einzigen Monat sind das deutlichste Signal seit dem Corona-Schock 2020. Die Folge ist nicht sofort die Kündigung, sondern der klassische Vier-Schritt-Plan – erst werden Zeitarbeitsverträge nicht verlängert, dann externe Berater abbestellt, dann interne Sonderprojekte gestoppt, dann beginnen Kurzarbeit-Gespräche. Wer in einem dieser Werke arbeitet, sollte den Liquiditätspuffer auf drei bis sechs Monatsgehälter netto erhöhen und das Brutto-Netto für 2026 im Gehaltsrechner konservativ rechnen – realistisch bleibt aus dem Metall-Tarifabschluss +3,1 Prozent zum 1. April nur ein Übertarif-Spielraum von 0,5 bis 1,5 Prozent. Bei einem Bruttojahresgehalt von 60.000 Euro, Steuerklasse I, ohne Kirchensteuer, mit 3,1 Prozent Zusatzbeitrag macht das einen Netto-Unterschied von rund 27 Euro im Monat zwischen 0,5 und 1,5 Prozent Übertarif – die Frage, ob sich der Konflikt um den Aufschlag lohnt, ist damit nüchtern beantwortbar.

Zweitens für Beschäftigte in Chemie, Metallerzeugnissen, Bau und im Pharma-Segment: Die +2,1 Prozent in der Chemie und +2,4 Prozent im Bau sind eine klar stabilere Ausgangslage als in der Automobil- oder Elektroindustrie. Im Bauhauptgewerbe wirkt zudem die Hochbau-Erholung aus dem Auftragseingang März (+9,9 Prozent Hochbau) jetzt auf die Produktion durch – wer im Hochbau, Ausbaugewerbe oder im Bau-Zuliefersegment arbeitet, hat 2026 eine besser tragende Verhandlungsbasis als im Tiefbau. Im Jobwechsel-Vergleich lässt sich konkret durchspielen, wie sich ein Wechsel aus einem schwächelnden Auto-Zulieferer ins Hochbau-, Chemie- oder Bau-Zuliefer-Segment netto darstellt – Pendelweg, Krankenkasse und Steuerklasse inklusive. Drittens für Beschäftigte in den energieintensiven Industriezweigen (Glas, Keramik, Papier, Metallerzeugung, Aluminium): Die +1,0 Prozent zum Vormonat und +2,6 Prozent im Dreimonatsvergleich sind die vierte positive Monatsfolge in Serie – diese Branchen haben das tiefste Tal hinter sich. Das ist nicht der gleiche Wachstumssektor wie IT, gibt aber für 2026 wieder etwas mehr Verhandlungsraum als noch 2024 oder 2025.

Was du in den nächsten vier Wochen konkret prüfen solltest

Drei Termine strukturieren die kommenden Wochen für die Industrie. Erstens der EZB-Zinsentscheid am 11. Juni 2026 um 14:15 Uhr: Eine Anhebung des Einlagensatzes von 2,00 auf 2,25 Prozent würde die Finanzierungskonditionen für industrielle Investitionen weiter verteuern – also genau jene Investitionsgüter, deren Produktion im April schon um 1,5 Prozent zurückgegangen ist. Damit wäre die Industrie-Rezession der zweiten Jahreshälfte praktisch besiegelt. Zweitens der Außenhandel April 2026 am 10. Juni 2026: Hier zeigt sich, ob der Eurozone-Auftragseinbruch von -11,1 Prozent schon auf die Exporte durchschlägt. Drittens der Auftragseingang Mai 2026 am 7. Juli 2026: Ein zweiter Negativ-Monat in Folge wäre das technische Industrie-Rezessionssignal, mit unmittelbaren Folgen für Kurzarbeit-Anzeigen ab Spätsommer.

Für die persönliche Planung heißt das: Wer in der Automobilindustrie, im Maschinenbau oder in der Herstellung elektrischer Ausrüstung beschäftigt ist, sollte den Liquiditätspuffer aktiv erhöhen – drei bis sechs Monatsgehälter netto sind die Untergrenze, sechs bis zwölf Monate die belastbarere Größenordnung in einer Kurzarbeit- oder Abfindungssituation. Im Gehaltsrechner kann die Netto-Erwartung für 2026 mit Metall-Tarif +3,1 Prozent und konservativem Übertarif durchgerechnet werden; im Jobwechsel-Vergleich lassen sich konkrete Wechselangebote – Bau-, Chemie-, Pharma-, IT- oder öffentlicher Dienst – netto gegen den Status quo stellen. Wer eine Anschlussfinanzierung in den nächsten zwölf Monaten ansteht oder Anschaffungen plant, sollte die Konditionen noch vor der EZB-Sitzung am 11. Juni schriftlich einholen – nach einer Anhebung um 25 Basispunkte verteuern sich Bauzinsen und Konsumentenkredite spürbar.

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