Auftragseingang Industrie April 2026: -3,8 Prozent zum Vormonat – Elektroindustrie bricht um 16,3 Prozent ein, Automobil und Maschinenbau folgen

Das Statistische Bundesamt hat am 8. Juni 2026 die Pressemitteilung Nr. 189 mit dem Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe für April 2026 vorgelegt: real, saison- und kalenderbereinigt fiel der Auftragseingang gegenüber März 2026 um 3,8 Prozent, auch ohne Großaufträge um 3,8 Prozent. Zum Vorjahresmonat liegt der Auftragseingang kalenderbereinigt nur noch 1,6 Prozent höher. Treiber sind die Herstellung elektrischer Ausrüstung mit -16,3 Prozent, der Maschinenbau mit -7,4 Prozent und die Automobilindustrie mit -5,3 Prozent. Auslandsaufträge fielen um 4,2 Prozent, getragen von einem Einbruch in der Eurozone um 11,1 Prozent. Für rund 2,5 Millionen Beschäftigte in Auto, Elektroindustrie und Maschinenbau heißt das: Die Lohnsetzungsmacht für die Tarifrunden ab Herbst 2026 sinkt deutlich, das Risiko von Kurzarbeit und Stellenabbau steigt – wer eine Gehaltserhöhung oder einen Branchenwechsel plant, sollte das Brutto-Netto jetzt sauber durchrechnen.

Wichtige Punkte

Warum die -16,3 Prozent in der Elektroindustrie das eigentliche Alarmsignal sind

Der schlagzeilenträchtige Wert ist die Automobilindustrie mit -5,3 Prozent zum Vormonat – aber das eigentliche Alarmsignal ist die Herstellung elektrischer Ausrüstung mit -16,3 Prozent. Diese Branche umfasst Batteriezellen, Elektromotoren, Antriebstechnik, Schaltanlagen, Transformatoren, Leiterplatten und Kabel – also exakt die Vorprodukte, die für die Elektromobilität, die Energiewende, Rechenzentren und KI-Infrastruktur gebraucht werden. Ein Einbruch um 16,3 Prozent in einem einzigen Monat ist in einer eigentlich strukturell wachsenden Branche das deutlichste Frühwarnsignal seit Beginn der Statistik: Entweder werden Investitionen in E-Auto-Plattformen, Windparks und Netzausbau aktuell zurückgehalten, oder die Hersteller setzen verstärkt auf importierte Vorprodukte aus China und den USA. Beide Erklärungen sind für die rund 870.000 Beschäftigten in der deutschen Elektroindustrie schlecht.

Maschinenbau und Automobil folgen einer ähnlichen Logik: Werkzeugmaschinen werden bestellt, wenn die Endkunden in Auto und Elektroindustrie expandieren wollen – wenn dort die Aufträge wegbrechen, brechen mit zwei bis vier Monaten Verzögerung auch die Maschinenbau-Aufträge weg. Genau das passiert jetzt. Die VDMA hatte bereits Anfang 2026 vor anhaltend schwacher Auftragsdynamik gewarnt; das Destatis-Signal aus April bestätigt das Bild. Damit zeichnet sich für die zweite Jahreshälfte eine klassische Industrie-Rezession ab: Erst Aufträge, dann Umsatz, dann Beschäftigung. Der reale Umsatz mit +0,1 Prozent zum Vormonat zeigt, dass die Welle noch nicht durchgeschlagen ist – die Auftragsbestände aus dem starken Q4 2025 werden noch abgearbeitet. Ab Herbst 2026 läuft dieser Puffer aus.

Was der Einbruch für deine Lohnverhandlung und einen Branchenwechsel bedeutet

Für die persönliche Lohnplanung 2026 gibt der Datensatz drei unterschiedliche Signale. Erstens für Beschäftigte in Automobil, Elektroindustrie und Maschinenbau: Die nächste Gehaltsrunde wird hart. Der laufende Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie sieht zum 1. April 2026 eine Erhöhung um 3,1 Prozent vor; für die folgende Tarifrunde ab Herbst 2026 ist mit einem Bundesbank-Maßstab von zuletzt +2,8 Prozent Tarifverdienste die Spitze nach unten begrenzt. Wer einen Übertarif-Aufschlag verhandeln will, sollte realistisch mit 0,5 bis 1,5 Prozent rechnen – nicht mit den 3 bis 5 Prozent, die im IT-Sektor oder im öffentlichen Dienst noch durchsetzbar sind. Im Gehaltsrechner zeigt sich der Netto-Effekt eines konservativen Abschlusses sauber: 3,1 Prozent auf 60.000 Euro Bruttojahresgehalt sind 1.860 Euro brutto – bei Steuerklasse I, 3,1 Prozent Krankenkassen-Zusatzbeitrag, ohne Kirchensteuer landen davon rund 1.020 Euro netto im Jahr, also ungefähr 85 Euro mehr im Monat. 1,5 Prozent Übertarif zusätzlich würden auf etwa 41 Euro netto extra hinauslaufen – das ist die realistische Größenordnung dessen, was bei der Übertarif-Verhandlung 2026 noch geht.

Zweitens für Beschäftigte mit variabler Vergütung – Außendienst, Vertrieb, Bonus-Vereinbarungen: Wer in der Industrie auf Boni angewiesen ist, sollte die Annahme für 2026 jetzt konservativ neu setzen. 60 bis 75 Prozent des ursprünglichen Bonus-Ziels ist nach diesem Auftragsdatensatz die realistische Bandbreite – nicht 100 Prozent. Der Brutto-Bonus-Rechner zeigt, wie groß der Netto-Unterschied zwischen einem 8.000-Euro-Bonus und einem 5.500-Euro-Bonus tatsächlich ausfällt: Bei Steuerklasse I und 60.000 Euro Grundgehalt sind das rund 3.300 statt 4.700 Euro netto – also ein Liquiditätsloch von 1.400 Euro im Auszahlungsmonat. Wer dieses Loch schon kennt, kann seine Anschaffungs- und Urlaubsplanung frühzeitig anpassen. Drittens für alle, die einen Branchenwechsel erwägen: Die Auftragsdaten zeigen, wohin nicht – und damit indirekt, wohin schon. Verkehr und Lagerei, Information und Kommunikation, öffentlicher Dienst und Gesundheitswesen sind aktuell die stabileren Zielbranchen. Im Jobwechsel-Vergleich lässt sich der Effekt sauber durchspielen: Bei einem Wechsel aus der Elektroindustrie (Metall-/Elektro-Tarif) in eine TVöD-Stelle bleiben oft 80 bis 95 Prozent des bisherigen Brutto übrig, dafür sinkt das Kurzarbeit- und Kündigungsrisiko spürbar.

Was du in den nächsten vier Wochen konkret prüfen solltest

Drei Termine strukturieren die kommenden Wochen für die Industrie. Erstens der EZB-Zinsentscheid am 11. Juni 2026: Eine Anhebung des Einlagensatzes von 2,00 auf 2,25 Prozent würde die Finanzierungskonditionen für industrielle Investitionen weiter verteuern – also genau jene Investitionen, die im aktuellen Auftragsdatensatz schon mit -2,9 Prozent zurückgehen. Damit wäre die Industrie-Rezession der zweiten Jahreshälfte praktisch besiegelt. Zweitens die Produktions- und Außenhandelsdaten für April 2026 am 9. Juni 2026: Hier zeigt sich, ob der Auftragseingangs-Einbruch sofort auf die Produktion durchschlägt oder ob die Auftragsbestände den Effekt noch dämpfen. Drittens der Auftragseingang Mai 2026 am 7. Juli 2026: Ein zweiter Negativ-Monat in Folge wäre das technische Rezessionssignal – mit unmittelbaren Folgen für Kurzarbeit-Anzeigen und Stellenabbau-Ankündigungen ab Spätsommer.

Für die persönliche Planung heißt das: Wer in einem der drei Negativ-Branchen arbeitet, sollte den Liquiditätspuffer aktiv erhöhen – drei bis sechs Monatsgehälter netto sind die Untergrenze, sechs bis zwölf Monate sind die belastbarere Größenordnung in einer Kurzarbeit- oder Abfindungssituation. Im Gehaltsrechner kann die Netto-Erwartung für 2026 mit dem Tarifabschluss +3,1 Prozent realistisch durchgerechnet werden; im Jobwechsel-Vergleich lassen sich konkrete Wechselangebote – etwa in den öffentlichen Dienst, ins Gesundheitswesen oder in die IT-Branche – netto gegen den Status quo stellen, inklusive Pendelweg, Krankenkassen-Wechsel und Steuerklassen-Effekten. Wer zusätzlich eine Anschlussfinanzierung oder einen größeren Kauf plant, sollte die Konditionen jetzt schriftlich einholen und nicht erst dann, wenn die EZB-Erhöhung am 11. Juni durchschlägt. Und wer in einem Tarif-Industriebetrieb mit Mitbestimmung arbeitet, kennt die Kette: Erst werden Zeitarbeitsverträge nicht verlängert, dann externe Berater abbestellt, dann interne Sonderprojekte gestoppt, dann beginnen die Kurzarbeit-Gespräche. Der April-Auftragseingang ist der Punkt, an dem Schritt eins beginnt.

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